Am 16. November veröffentlichte die NZZ einen Artikel über den Mädchen- und Frauenfussball. Isabelle Bauert, die Präsidentin des FFC Südost Zürich ist eine der befragten Experten für Frauenfussball. Sie betont, dass es sehr wichtig ist, dass wir uns als Verein fortlaufend umsehen nach weiterer Unterstützung. Das gilt insbesondere für den Trainernachwuchs, denn ohne Trainer, ist im Mädchen- und Frauenfussball nichts zu bewegen. Ein grosses Dankeschön an alle, die sich bereits für den Verein engagieren, denn ohne diese Unterstützung wäre es nicht möglich, dass so viele Mädchen Fussball spielen können. Es ist wichtig, dass der Verein sich weiter entwickeln kann, damit Frauen- und Mädchenfussball eine Zukunft hat, denn Fussball ist nicht nur ein Sport, sondern auch sehr wichtig für soziale Kontakte und das müssen wir pflegen. Leider ist es immer schwieriger Ehrenamtliche zu finden und zu motivieren und wird es für Vereine immer problematischer zu überleben. Das ist schade und nicht gut für die Gesellschaft.

Text NZZ-Artikel 16. November 2022:

Immer mehr Mädchen wollen Fussball spielen – doch wohin sollen sie sich wenden?

Die steigende Popularität des Frauenfussballs hat zu einem Run auf die Klubs geführt. Diese stossen an ihre Grenzen.

 Christine Steffen

Im April 2021 sagte Tatjana Haenni in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag»: «Es müssen mehr Mädchen ab 5 oder 6 Jahren Fussball spielen.» Die Verantwortliche für Frauenfussball im Schweizerischen Fussballverband (SFV) registrierte mit Sorge, dass das Nationalteam an Niveau verliert. Die Schweiz stand damals vor dem entscheidenden Barrage-Spiel, das ihr schliesslich die Teilnahme an der EM in diesem Sommer in England brachte. Das Turnier erhielt viel Aufmerksamkeit, fast 18 Millionen sahen in Deutschland den Final ihres Teams gegen England. Über 23 Millionen waren es im Gastgeberland – Rekordzahlen.
Die Sichtbarkeit von Fussballerinnen hat einen grossen Effekt: Immer mehr Mädchen wollen organisiert Fussball spielen. Das zeigen die Beobachtungen der Klubs in der Region Zürich und die Zahlen des SFV. Heute sind in der Schweiz 29 795 Spielerinnen lizenziert, vor zehn Jahren waren es 20 831. Auffällig ist der Sprung vom letzten zu diesem Jahr: Über 4000 Mädchen und Frauen sind dazugekommen.
Für die Spitze ist das eigentlich eine gute Nachricht, weil nur eine breite Basis ein hohes Niveau im Leistungssport garantiert. Die schlechte Nachricht ist, dass der Ansturm viele Vereine an ihre Belastungsgrenzen bringt und es immer schwieriger wird, den interessierten Mädchen überhaupt einen Platz anzubieten.

Bereits gibt es Wartelisten

 Artemis Siradakis ist im Vorstand des Zürcher Quartierklubs FC Wiedikon und leitet die Juniorinnenabteilung. Sie sagt: «In letzter Zeit sind wir an den Anschlag gekommen.» Im Frühling sei das Interesse markant gestiegen, vielleicht im Hinblick auf die EM. Lange wurde versucht, jedes Mädchen aufzunehmen, das funktioniert trotz dem grossen Einsatz der Verantwortlichen im Verein nicht mehr: Zurzeit sind 15 Interessentinnen auf der Warteliste.
Die Juniorinnenabteilung des FC Wiedikon ist relativ jung; vor gut drei Jahren haben die Frauen des Vereins auf vielseitigen Wunsch aus dem Quartier ein erstes Mädchenteam gegründet. Seit diesem Sommer sind es fünf Teams, wobei lange nicht klar war, ob die Kapazitäten für das zweite C-Team, das eben erst dazukam, vorhanden sind.
Nicht nur sei es herausfordernd, für fünf Teams Personen zu finden, die die Verantwortung übernähmen, Trainings leiteten, Elternkontakte pflegten, die Administration erledigten; Wiedikon leide – wie andere Vereine in Zürich – an einem akuten Platzproblem. «Wenn wir nicht mehr Platz bekommen, können wir nicht mehr wachsen», sagt Siradakis. Bereits jetzt würden sich jeweils vier Teams den Kunstrasen teilen, noch mehr zu verdichten, sei nicht möglich.

Isabelle Bauert ist Präsidentin des Frauenfussball-Clubs Südost Zürich, in dem rund 260 unter 20-Jährige trainieren. Sie sagt: «In den letzten zwei, drei Jahren hatten wir wahnsinnig Zulauf.» Während sie früher Werbung habe machen müssen, kämen heute jede Woche ein oder zwei Anrufe von interessierten Mädchen. Im vergangenen Sommer wurden zwei neue Teams gemeldet. So etwas habe es noch nie gegeben, sagt Bauert.
Die Verantwortlichen in den Klubs beobachten, dass der Fussball von Frauen und Mädchen präsenter ist und an Wert und Reiz gewonnen hat. Er gilt in vielen Vereinen und bei den Eltern als förderungswürdig. Aber wenn es um die praktische Umsetzung geht, hapert es.

Auch Claudia Gfeller, die im Fussballverband Region Zürich das Projekt Entwicklung Frauenfussball leitet, sagt, der Blick auf den weiblichen Fussball habe sich verändert, die Akzeptanz in den Vereinen sei generell grösser. So gebe es Klubs, deren Mädchenabteilung fast gleich gross sei wie diejenige der Buben. Nicht verschwunden sind allerdings auch jene Vereine, die es aus verschiedenen Gründen nach wie vor ablehnen, Mädchen aufzunehmen.
Interessierten Mädchen rät Gfeller, bei ihrem lokalen Verein anzuklopfen. Viele Klubs führen heute Angebote für Mädchen oder wissen, wo der nächste Verein mit Mädchenteams zu finden ist. Es gibt zudem Klubs, die am Mittwochnachmittag Trainings anbieten, an denen auch Anfängerinnen teilnehmen können. Dort kann unter Anleitung trainiert und ausgetestet werden, wie gross die Motivation wirklich ist.
So bietet etwa der FFC Südost Zürich jeden Mittwoch Pooltrainings an, an denen sich 50 bis 60 Kinder im Alter zwischen 8 und 13 Jahren einfinden. Zeigt ein Kind Durchhaltewillen, wird es in ein Team aufgenommen, sobald ein Platz frei wird. Ähnliche Angebote haben in der Region Zürich der FC Schlieren oder der FC Blue Stars.

Eine weitere Gelegenheit zum Einstieg in den Fussball bietet das Playmaker-Projekt der Uefa, an dem der SFV teilnimmt. Dort können an verschiedenen Standorten in der Schweiz fünf- bis achtjährige Mädchen ohne Vorerfahrung trainieren, wobei ein spielerischer Umgang im Vordergrund steht. Grundlage der Einheiten sind Disney-Animationsfilme wie «Die Unglaublichen», deren Figuren zu Bewegung und Spass animieren sollen.

Wird das Interesse der Mädchen nicht aufgefangen, hat der Elite-Frauenfussball in der Schweiz nicht nur mit einer kurzfristigen sportlichen Stagnation zu kämpfen. Aus kleinen Kickerinnen werden, wenn sie gross sind, vielleicht Funktionärinnen, Trainerinnen, Schiedsrichterinnen – fehlen sie, bleibt das strukturelle Problem bestehen: ein Mangel an Personal, das die Vereine trägt. «Es ist wichtig, dass wir den Frauen die Jöbli-Funktion schmackhaft machen», sagt Claudia Gfeller.

Nationaltrainer spricht sich gegen Ungleichheit aus

Isabelle Bauert hat ihre Arbeit aufgegeben, um den steigenden Anforderungen im Verein gerecht zu werden. Sie betreut selber drei Teams und weibelt unablässig mit viel Herzblut, damit niemand abgewiesen werden muss. Wenn es auf den Winter zugeht, verdichtet sich das Problem, denn Turnhallen sind noch rarer als Fussballplätze. Sie sagt: «Wir brauchen mehr Unterstützung, sonst geht es nicht.»

Nils Nielsen, der am vergangenen Freitag als Frauen-Nationaltrainer verabschiedet wurde, hat sich in einem Interview im Sommer im «Tages-Anzeiger» ebenfalls für die Mädchen starkgemacht. Er sagt: «Wir brauchen Chancengleichheit, auch im Kinderfussball. Ein Mädchen sollte die Möglichkeit haben, in einem reinen Mädchenteam spielen zu dürfen, wenn es das will.» Es könne nicht sein, dass ein Junge in einem Klub fast alles bekomme und das Mädchen nahezu nichts. Er könne nicht nachvollziehen, wie man eine solche Ungleichheit akzeptieren könne.
Und Nielsen fragt: «Wäre es in der Schule, wäre es zu Hause, das würde nie akzeptiert werden. Wieso akzeptieren wir es dann im Fussball?»